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Werra Meißner
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Der Landkreis hat Geburtstag – ein Streifzug durch 200 Jahre Geschichte (Teil 4)

Zehnteilige Geschichtsserie anlässlich 200 Jahre Kurhessische Landkreise

Nachdem die Entscheidung gefallen war, dass Witzenhausen Kreisstadt bleibt, wurde dort ein neues Kreishaus errichtet.

Die Deutsch-Soziale-Partei war vor allem eine antisemitische Partei, was in diesem Wahlaufruf verschwiegen wird.

So malerisch diese Zeichnung Eschweges von 1884 auch wirkt, die Lebenswirklichkeit war hart und die Auswandererzahl hoch.

Am 29. Juni 1821 wurden mit einem kurfürstlichen Organisationsedikt zur Umbildung der bisherigen Staatsverwaltung in Kurhessen die Landkreise erstmals als Verwaltungseben eingeführt. Diesen 200. Geburtstag der ehemaligen Landkreise Eschwege und Witzenhausen nehmen wir zum Anlass, um in einer zehnteiligen Serie ein Blick auf die Geschichte der Vorläufer des heutigen Werra-Meißner-Kreises zu werfen.

Autor der Serie ist Matthias Roeper, Leiter des Stadtarchivs in Witzenhausen und Verfasser zahlreicher stadt- u. heimatgeschichtlicher Publikationen.

Der heutige vierte Teil der Serie fragt: Wie gut war die „alte Zeit“ wirklich?


Teil 4

Wie gut war die „alte Zeit“ wirklich?

Der Begriff von der „Guten alten Zeit“, meistens dann gebraucht, wenn Krieg oder schnelle, unerwartete und dramatische Veränderungen Platz greifen, ist eine verklärende Retrospektive aus großer zeitlicher Distanz. Mit diesem Begriff gemeint sind ursprünglich die Jahrzehnte ohne Krieg und mit dem positiven Image des deutsch – französischen Krieges 1870/71, die relative wirtschaftliche Stabilität der Kaiserzeit und das ruhige Gleichmaß der Tage und Jahre bis 1914 „als das Bier noch nen Groschen kostete.“

Allerdings – beim genaueren Hinsehen relativiert sich dieser verklärende Blick doch erheblich. Dominiert wurde der Alltag dieser – vielleicht doch nicht nur „guten alten“ – Zeit in den Städten durch schlechte Arbeitsbedingungen, lange Arbeitszeiten, knappen Lohn sowie beengtes, dunkles Wohnen in mangelhaften hygienischen Verhältnissen. Auf dem Land herrschte vielerorts sichtbare Armut und der dauernde Kampf ums Überleben.

Der Lebensstandard der meisten Familien war höchst bescheiden und auch die, die etwas mehr ihr Eigen nannten, neigten durchaus zur Sparsamkeit. So orientierte sich z. B. das kulinarische Repertoire hauptsächlich an der Kartoffel, die in „Duckefett“ (d. i. Rüböl mit gebratenen Zwiebeln oder ausgelassenem Speck mit Schmand, Zwiebeln und Essig) „geduckt“ oder in Form von Puffer genossen wurde sowie an dem reichlich vorhandenen Gemüse. Beliebt, weil billig, war auch der Hering, den man als „grünen Hering“ braten konnte oder mit Schmand, Öl und Äpfeln den Pellkartoffeln zugesellte. Das sog. „Untergekochte“, mit etwas Speck verfeinert, verdankte seine Vielfalt den diversen Gemüsesorten: Erbsen, Bohnen, Möhren, Steckrübe, Kohl und Kartoffeln. So ist an jedem Tag in der Woche eine andere Suppe möglich, denn auch die Städter haben in der Regel ein Stückchen Gartenland oder ein, zwei Felder, wo all dies angebaut wurde.

Sulperknochen mit Schweinebauch waren schon mal in der Woche möglich, der Braten mit Soße, Gemüse und Salzkartoffeln ist ebenso den Sonn- und Feiertagen vorbehalten wie Bohnenkaffe und Kuchen. In der Woche stand die große Blechkanne mit Malzkaffee stets heiß auf dem Küchenherd, aufs Brot gab´s Mus oder Schmalz. Samstags ging´s dann mit großen Blechen voller Kuchen Richtung Bäcker oder ins Backhaus – ein Moment, der stets von den Kindern besonders herbeigesehnt wurde.
Kleidung und Schuhe hatten gegenüber heute eine vielfache Lebensdauer. Schuhe wurden immer wieder besohlt, Hosen immer wieder geflickt, Strümpfe gestopft, Mäntel und Jacken, wenn möglich, einmal gewendet. Die meisten Familien haben viele Kinder und die Alten sitzen mit am Tisch. Abends geht es früh ins Bett, Öl und Petroleum sind teuer, elektrisches Licht gab es z.B. in Witzenhausen erst seit 1899 und anfangs hatten es nur die Wenigsten.

Wenn die Kinder die Schularbeiten nachmittags nicht machen können, weil sie auf dem Feld oder im Garten mithelfen, müssen sie halt am nächsten Morgen früher aufstehen und die Aufgaben vor der Schule machen. Ist der Vater aus dem Haus, um zu arbeiten – so es denn Arbeit gab - versorgt die Frau die Tiere, bereitet für Mann und Kinder das Mittagessen, und putzt da, wo es am Nötigsten ist. Die Dielen sind meist noch nicht gestrichen, sie werden geschrubbt und mit weißem Sand bestreut. Auf dem Hof gibt es einen Stall, in dem das obligatorische Schwien, oft auch Ziegen und Hühner gehalten werden. Neben dem Stall befand sich das Plumpsklo, oft in Verbindung mit der Jauchegrube


Kreise gewinnen an Stabilität

Mit der Okkupation Kurhessens durch Preußen im Zuge des deutschen Krieges 1866 gab es für die Kreise noch einmal gravierende Veränderungen – diesmal auf Dauer und nicht in Zuschnitt und Fläche, sondern ausschließlich im Bereich der Binnenstruktur. So wurde aus dem kurhessischen Bezirksrat jetzt der preußische „Kreistag“, bestehend aus Vertretern der Städte und Gemeinden, der Kreisstände und der ländlichen Großgrundbesitzer. Gewählt wurde nach einem Proporzsystem, bei dem die Einwohner der Städte – gestaffelt nach ihrem Anteil an der Kreisbevölkerung – bis zur Hälfte der Kreistagsabgeordneten stellten. Die übrigen Mitglieder wurden zum einen von den Einwohnern der Landgemeinden, zum anderen von den ländlichen Grundbesitzern gewählt, die mindestens 150 Mark an Grund- und Gebäudesteuern zu zahlen hatten. Die Wahl war indirekt, d. h. sie erfolgte durch Wahlmänner und die Legislaturperiode betrug sechs Jahre.    

Für den Kreis Witzenhausen, der im Jahr 1885 knapp 31 000 Einwohner hatte, bedeutete dies eine Kreistagsstärke von 20 Abgeordneten, die sich, wie der amtlichen Beilage des „Witzenhäuser Kreisblattes und Tageblattes“ (WKBL) vom 28. August 1885 zu entnehmen war, wie folgt zusammensetzten: Sechs stellten die vier Städte, sieben die restlichen 56 Landgemeinden und die noch fehlenden sieben Abgeordneten kamen aus den Reihen der 20 großen Grundbesitzer des Kreises. Der größere Kreis Eschwege stellte insgesamt 22 Abgeordnete – vier kamen aus der Kreisstadt, acht stellten sowohl die Landgemeinden als auch die größeren Grundbesitzer und zwei hatten keine spezielle Zuordnung.                      

Der Kreistag, der mindestens zweimal im Jahr unter Vorsitz des Landrates zusammen kommen musste, hatte, wie schon in kurhessischen Zeiten, Beschlussrecht in den Bereichen Finanzen und Baumaßnahmen sowie Mitsprachrecht in der Kommunalaufsicht. Erweitert wurde dies nun noch durch die Aufsicht über das Versicherungswesen, Steuerveranlagung, Energieversorgung und die Fortbildungsschulen. Darüber hinaus wählte er aus seiner Mitte den sechsköpfigen Kreisausschuss und besaß das Vorschlagsrecht für die Position des Landrates – letztendlich ernannt wurde dieser allerdings dann von der königlichen Regierung.

Der Landrat war in Doppelfunktion sowohl Chef der Selbstverwaltung des Kreises als auch Organ des Staates. Finanziert wurde dieses Konstrukt durch eine Umlage der kreisangehörigen Städte und Gemeinden. Diese seit 1867 bzw. 1872 bestehende Verwaltungsstruktur blieb bis zum Ende des 1. Weltkrieges und dem damit verbundenen Untergang des Kaiserreichs erhalten – erst in der Weimarer Republik erfolgten signifikante Änderungen.  

So unstrittig die Funktion Eschweges als Kreisstadt seit 1821 war, so vehement musste Witzenhausen Ende der 80er Jahre um seine Stellung als Hauptort des Kreises kämpfen. Aufgrund der Tatsache, dass das bis dato als Landratsamt genutzte Gebäude in der Innenstadt mit den Jahren viel zu klein geworden war und man neu bauen musste, machte die Nachbarstadt Allendorf der Kreisverwaltung ernsthafte Avancen zur Verlegung des Sitzes. Zwar entschied sich der Kreistag in Witzenhausen zu bleiben und in der Nähe des neuen Bahnhofes ein neues Kreishaus zu errichten, dafür musste aber die Stadt Witzenhausen ihre 1860 gegründete Sparkasse auflösen und mit der Kreissparkasse verschmelzen.


Wahlrecht und Wahlen

Ein Blick noch auf die Wahlen. Wenn wir in Verbindung mit den politischen Institutionen des 19. Jahrhunderts den Begriff „Wahl“ verwenden, dürfen wir diesen Vorgang allerdings nicht mit den uns vertrauten Wahlen vergleichen. Von „freien, gleichen und geheimen“ Wahlen konnte mitnichten die Rede sein. Ließen sich die Wahlen zum Reichstag trotz des fehlenden Frauenwahlrechts selbst im damaligen europäischen Vergleich noch als relativ fortschrittlich bezeichnen – wahlberechtigt waren alle nicht entmündigten und straffälligen Männer ab 25 Jahren - so waren insbesondere in Preußen die Wahlen im kommunalen Bereich durch das sog. „Dreiklassenwahlrecht“ bis 1918 weit weg von all dem, was wir heute unter dem Begriff „demokratisch“ verstehen.  

Die männlichen Wähler wurden nämlich nach ihrem individuellen Steueraufkommen in drei Abteilungen eingeteilt, denen jeweils ein Drittel der zu vergebenen Sitze in der Gemeindevertretung zustand. Dieses Zensuswahlrecht, das von seinen Gegnern zu Recht als „Geldsackwahlrecht“ verurteilt wurde, hatte zur Folge, dass die Gemeindeparlamente zu nahezu 90% durch die örtliche Oberschicht dominiert wurden – die überwiegende Mehrheit der Einwohnerschaft besaß keinerlei Mitsprachrecht.   

Zum Schluss sei hier noch kurz angemerkt, dass die Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1893 bis 1912 kein Ruhmesblatt für die Region darstellen. Die Kreise Eschwege und Witzenhausen bildeten zusammen mit Schmalkalden in Thüringen den Wahlkreis 4 im Regierungsbezirk Kassel und wählten von 1893 bis 1912 in vier von fünf Urnengängen die Kandidaten der antisemitischen „Deutsch–Soziale–Partei“ direkt in den Berliner Reichstag.   


Auswanderungsrekord  

Nicht nur auf der politischen Ebene sondern auch im sonstigen Leben war Vieles weit weniger „gut“ als es später verklärend dargestellt wurde. So gab es z.B. für die Bauern ihre Befreiung von den grundherrlichen Lasten nicht zum Nulltarif, sondern kostete sie das 20-fache der bisherigen jährlichen Abgabeleistung. Die eigens dazu geschaffene Landeskreditkasse vergab Kredite mit halbjährlich zu zahlenden Abtrag und Zins von 3,5% und knebelte so Landgemeinden wie z.B. das Dorf Breitzbach im Ringgau bis ins erste Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts. Liefen die Kassenkredite aus, kamen oft genug private Geldverleiher und Wucherer zum Zuge, was viele Bauern um Haus und Hof brachte. Übrig blieb dann nur noch die Flucht in den Alkohol oder aber – für die Jungen und Mutigen – die Auswanderung.     

Aber auch in den Städten ging es nicht besser. Industrie gab es nur wenig, der Handwerkerüberschuss war gravierend und meist war man von einem oder zwei größeren Unternehmen abhängig. Gab es dann wirtschaftliche Dellen, schlugen diese besonders durch.
So konnte man am 30. April 1881 im Witzenhäuser Kreisblatt lesen, dass: „…das Auswanderungsfieber (…) in diesem Jahr in einem noch nicht da gewesenen Umfang herrscht. Die meisten Auswanderer begeben sich nach den Vereinigten Staaten.“ In Zahlen: Zwischen 1866 und 1885 wanderten in der Stadt Witzenhausen 183 Personen aus, was fast 10% der Bevölkerung des Jahres 1866 bedeutete. Die Stadt war jedoch beileibe kein Einzelfall, auch der gesamte Kreis Witzenhausen litt unter erheblichen Bevölkerungsverlusten. Im Jahr 1880 wurden 30 883 Einwohner gezählt, 1886 waren es nur noch 29 335, was auch hier ein Minus von 5% bedeutete. Ähnlich sah es im Kreis Eschwege aus, wobei hier die Kreisstadt erheblich weniger Auswanderer verließen als die umliegenden Landgemeinden.


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